Herbst – Abschiednehmen
Wir stehen im November, die bunten Blätter fallen von den Bäumen. Das ist die Zeit der Ernte und des Abschiednehmens. Viele Feste erinnern uns an das Abschiednehmen: Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag. In diesen Tagen besuchen wir die Gräber unserer Kinder und Geschwister, unserer Eltern, Großeltern und unserer Freunde.
Manch herab gefallenes Blatt liegt auf ihnen und trägt seine Botschaft zu den Besuchern: Unsere verstorbenen Angehörigen sind so einmalig wie ein Blatt des Baums. Jedes Blatt ist anders, so wie es die Verstorbenen auch waren. In der Zeit vor ihnen hat es keinen Menschen gegeben, der ihnen gleich gewesen wäre. Auch die Zukunft wird niemanden bereithalten, der genau so sein wird. Jeder Verstorbene hat in seiner Zeit gelebt und sich von dieser Zeit färben und formen lassen. All die Sonnenstrahlen seines Lebens und ebenso die Winde und der Regen haben Spuren in seine Seele gezogen. Sie haben seinem Leben Farbe und Form geschenkt.
So wie die Blätter den Frühling und den Sommer, den sie in sich aufgenommen haben, mitnehmen, wenn sie vom Baum fallen, so nehmen auch die Menschen im Tod ihr gesamtes Leben mit hinein ins Grab. Was sie geträumt haben und was sich erfüllt hat, dazu die Freuden, Hoffnungen und Ängste der Vergangenheit, die Liebe und das Leid, das sie erfahren und verursacht haben.
Jetzt in einem Wald über die farbige Vielfalt des Herbstlaubes zu wandern, mag die Sinne wecken und sensibel machen für eine Botschaft aus einer anderen Welt: Ich kann den riechen und fühlen, der hinter allem steht und der Grund von allem ist. Die göttliche Botschaft eines Herbstblattes ist für mich eindeutig und lebendig: Es gibt eine Auferstehung zu neuem Leben bei Gott.
Denn auch die Blätter bleiben nicht für alle Ewigkeit liegen. Sie werden verwandelt und schenken den Bäumen wieder neues Leben. Auch unsere Verstorbenen ruhen nicht für alle Ewigkeit im Grab. Sie werden hinein verwandelt in ein Leben, das über alles Leben dieser Welt hinausragt – ein Leben bei Gott, von dem sie gekommen sind.
Die Blätter auf den Gräbern erzählen mir von der Farbigkeit und Einmaligkeit allen Lebens und schenken mir die Zuversicht, dass das Leben stärker ist als der Tod.
In dieser Zuversicht grüßt Sie
Elisabeth Bockisch



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