Die Frau am Jakobsbrunnen
Kennen Sie das auch? Es gibt Geschichten, die einen nicht loslassen, die in uns leben und wirken. Eine solche ist für mich die Geschichte aus dem Johannesevangelium, Joh. 4, 1-42: die Frau am Jakobsbrunnen. Sie kennen sie vielleicht. Versetzen wir uns in diese Frau und lassen das Geschehen auf uns wirken.
Ich trage meinen leeren Krug durch die Wüste. Allein. Ich meide das Lachen und Plaudern der anderen Frauen. Sie lachen und reden über mich. Über mein leeres Herz und mein ödes, dürres Leben. Heiß brennt die Sonne aufs trockene Land. Ich gehe zum Brunnen, um meinen Krug zu füllen. Aber wo stille ich den Durst meiner Seele?
Das hat mir gerade noch gefehlt. Allein wollte ich sein, habe die Mittagsglut extra in Kauf genommen, um den Blicken zu entfliehen. Jetzt muss ich doch den Blick eines Menschen ertragen. Und noch dazu ein Mann, ein Jude. Nicht hinschauen. Schnell Wasser schöpfen und bloß weg von hier. Jetzt fängt er auch noch ein Gespräch an. Das hat mir gerade noch gefehlt. Er bittet mich um etwas. Ich habe nichts und gebe nichts. Mein Leben ist arm und öde. Ich bin ausgepumpt und leer. Ich habe nichts zu geben, aber es tut gut, gebeten zu werden. Dieser Fremde macht mich neugierig.
Du sagst, du hättest mir etwas zu geben. Wenn ich nur wüsste, wer du bist, ich bäte dich und du gäbest mir. Wer bist du? Du wärst der Erste, den ich einfach bitten darf, dem ich geradeheraus sagen darf, dass ich etwas brauche. Der Erste, der nicht nur nimmt, nimmt, nimmt, bis ich leer und ausgesaugt bin. Du sagst, du willst mir etwas geben: lebendiges Wasser. Du sagst, ich soll nie mehr Durst haben. Gibt es das, nie mehr Durst haben? Ich kenne nur: Immer wieder Durst, immer mehr Durst, immer mehr Sehnsucht nach mehr, mehr, mehr. Du sagst, eine Quelle in mir wird sprudeln, unaufhörlich, lebendig, ewig. Eine Quelle, die ins ewige Leben fließt. Das will ich. Ich verstehe es nicht, doch ich weiß: das will ich, ich will es. Gib mir dieses Wasser, Herr! Ich bitte dich: stille meinen Durst.
Die Stunde der Wahrheit ist da. Ich bin erkannt und durchschaut. Offen liegt vor deinem Blick, was ich vor allen verbergen wollte: die Leere meiner Seele, die verzweifelte Sehnsucht, die Gier nach mehr und immer mehr. Das Suchen an tausend falschen Orten. Die Enttäuschung, das ausgenutzt werden von anderen. Das Jagen nach Liebe, die Demütigungen, das Missbrauchtwerden, das gähnende, schwarze Loch in meiner Seele. Offen vor deinem Blick. Und du verstehst.
Ich brauche den Krug nicht mehr. Ich brauche den Brunnen nicht mehr. Ich habe gefunden, was den Durst meiner Seele stillt: den EINEN, der weiß, wer ich bin. Und der mich trotzdem liebt.
Ein Gespräch in der Mittagshitze am Brunnen zwischen zwei Fremden, Angehörigen zweier Welten und verfeindeter Kulturen. Und noch dazu Mann und Frau. Wie könnte es anders ein: Es ist ein Gespräch voller Missverständnisse, die erst nach und nach aufgelöst werden. Und doch geschieht etwas Rätselhaftes. Etwas verändert sich in dieser Frau.
Und etwas Rätselhaftes verändert sich in dem, der sich auf diese Geschichte einlässt. Vielleicht finden auch wir einen Zugang zum Wasser des Lebens durch unseren Glauben an Jesus.
Elisabeth Bockisch



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